Samstag, 14. März 2015

(News) Raif Badawi; Viele neue Fragen, kein Fortschritt – im Gegenteil

Seit Wochen berichte ich über den Fall des in Saudi Arabien zu 10 Jahren Haft und 1000 Peitschenhieben verurteilten Bloggers. Mal gab es Grund zu Hoffnung, dann wieder nicht, dann wieder ein bisschen. Dieses Auf und Ab setzt mir persönlich schon zu, da möchte ich mir gar nicht ausmalen, was seine Familie durchmacht.
Als die Nachricht kam, dass das Gericht den Fall noch einmal aufrollen möchte, haben einige – darunter auch ich – tief durchgeatmet und sich gedacht »endlich tut sich etwas.« Es war meine Hoffnung, dass die Saudis den Fall dadurch abschließen wollen, ohne das Gesicht zu verlieren. Immerhin hatte deren Botschafter in Berlin gerade erst gegenüber dem Nachrichtenmagazin Zapp verkündet, dass Raif die Körperstrafe erlassen bekommen würde, und auch nicht die komplette Gefängnisstrafe absitzen müsse. Nun hat sich hier jedoch viel zum Negativen entwickelt, denn laut seiner Frau wird man den Blogger wegen »Abfalls vom Glauben« anklagen. Darauf steht die Todesstrafe durch Köpfen. Das klingt absurd in unserer heutigen Welt, ist in Saudi Arabien allerdings alles andere als selten.
Nun stellt sich mir die Frage, was da im Hintergrund läuft.

- Im besten Fall hofft seine Frau, mit einer »kleinen« Übertreibung noch mehr Unterstützer zu erhalten, im schlimmsten hat sie recht.
- Saudi Arabien hatte sich bei Schäubles Besuch schon negativ über die deutsche Medien-Kampagne geäußert. Will man etwa etwas demonstrieren, indem man dem Westen beweist, dass man sich nicht beeinflussen lässt?
- Hat Saudi Arabien entschieden, dass es schmerzfreier für deren Politik ist, den Mann hinzurichten, das westliche Theater auszusitzen und zu hoffen, dass wir es schnell vergessen?
- Warum wird die Folter eigentlich seit neun Wochen ausgesetzt? Um den Westen zu beruhigen? Da Anfang des Monats ein neues Verfahren, mit schlimmerem Urteil in Gang gesetzt wurde? Angeblich hat der Blogger selbst darum gebeten, dass sein Fall erneut verhandelt würde. Auch das ist nicht geklärt.

Gerade die teilweise widersprüchliche Berichterstattung unserer Medien macht es schwer, den Durchblick zu behalten. Allerdings habe ich herausgefunden, dass es tatsächlich eine Art Kampagne gibt, die die Saudis verurteilen könnten. Natürlich kommt das meiste aus den sozialen Netzwerken, aber das wurde in der Schweiz in Gang getreten. Hier lebt die schweizer Politologin Elham Manea. Sie wurde von Raif Badawis Frau, Ensaf Haidar, kontaktiert und um Hilfe gebeten. Seitdem ist sie das Sprachrohr zwischen Raif und der Welt.
Bei ihr gehen Hinweise, wie das Video der Auspeitschung ein, sie stellt Neuigkeiten online, setzt sich bei den Regierungen ein. Dennoch, und das möchte ich betonen: Das ist keine politisch motivierte Kampagne, zumindest nicht im wirtschaftlichen Sinne. In erster Linie geht es darum, einen Unschuldigen zu retten, der Fragen stellte, wie: »Warum sollen nicht alle Religionen gleich sein?«, »Warum dürfen wir keinen Valentinstag feiern?«
Das sind Fragen, die unsere Kinder in der Schule im Unterricht besprechen können, in Saudi Arabien muss man hierfür um sein Leben bangen. Da frage ich mich: Wie marode muss diese Regierung sein, wie ängstlich das Königshaus, dass es einen einzigen Mann so sehr fürchtet?

Kommentare:

  1. Danke, dass du immer wieder über den Fall berichtest :x
    Wie du schon sagst, es ist schwer, den Überblick zu behalten. Bei solchen Sachen wird einem so richtig ins Bewusstsein gerufen, was man überhaupt für ein Glück hat, in einem Land zu leben, in dem man seine Meinung zu solchen Themen öffentlich bloggen darf.

    LG

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    1. Ja, das ist so wichtig!
      Meinungsfreiheit gab es bei uns auch nicht immer, das ist etwas, das wir Europäer uns in den vergangenen Jahrzehnten erkämpfen mussten. Aber prinzipiell hast du recht, was da passiert, in aus menschlicher Sicht nicht zu begreifen und macht einfach nur fassungslos.

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  2. Für mich war ausschlaggebend, den Fall Badawi zu meiner eigenen zu machen, als ich von der Teilnahme Saudi - Arabiens an der Demonstration für Meinungsfreiheit am 11. Januar las. Diese Hypokrisie! Ich kann sie seit Kindergartentagen nicht ausstehen. Seitdem engagiere ich mich & veröffentliche jeden Freitag auf meinem Blog das Neueste zur Sachlage, obwohl ich einst als Nähbloggerin ), angefangen habe und nicht der Generation des saudi-arabischen Bloggers angehöre ( ich bin doppelt so alt ). Aber dadurch erreiche ich eine Personengruppe ( und halte sie bei der Stange ), die sonst eher politisch abstinent ist.
    LG
    Astrid

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    1. Ich denke, die Solidaritätsbekundungen waren das, was das Fass zum Überlaufen gebracht hat.
      Mir geht es halt auch so an die Nieren, da er nur 5 Jahre älter als ich ist. Das könnte mein Freund/Bruder sein. Zumal ich später auch Redakteurin im Politik-Ressort werden möchte.
      Wichtig ist halt, das Thema in den Medien zu halten.


      Viele Grüße,
      Sonja

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    2. Ich finde auch wichtig, dass die Medien weiter darüber berichten. Deshalb finde ich gerade die Artikel in der Zeit darüber richtig gut.
      Trotzdem denke ich, dass viele (gerade in meinem Alter) noch gar nichts von dem Fall gehört haben. Finde ich gut, dass du darüber schreibst :)

      Liebe Grüße
      Sarah

      P.S. Bin dir gleich mal gefolgt :)

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    3. Bernd Ulrich hatte vor ein paar Tagen einen wunderbaren, bissigen Artikel darüber in der Zeit veröffentlicht.
      http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-03/raif-badawi-menschenrechte-sigmar-gabriel-saudi-arabien

      Stimmt - diejenigen, die eher wenig bis gar keine Zeitung lesen müssen anders informiert werden und zwar über Blogs und Social Media. Dazu kommt, dass der Druck, der da entsteht, oft eine größere Gewichtung hat, als ein Zeitungsartikel.

      Danke für dein Lob :)

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